Die Luftfahrt­branche im Umbruch

Interview mit CSO Victor Breguncci

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Abbildung: CSO Victor Breguncci

AluReport: Würden Sie Ihre Sicht auf die Luftfahrtbranche mit uns teilen? Was hat sich in den letzten fünf Jahren grundlegend verändert, und wie sieht der Ausblick bis 2030 und darüber hinaus aus?

VB: Die Luftfahrtindustrie befindet sich in einem dynamischen Wandel, der durch technologische Innovationen, Nachhaltigkeitsziele und geopolitische Herausforderungen geprägt ist. Nach der COVID-19-Pandemie hat sich die Branche zwar deutlich erholt, jedoch liegt der Geschäftsreiseverkehr noch immer unter dem Niveau von 2019, während der Tourismusverkehr boomt. Zugleich steht die Industrie weiterhin unter erheblichem Druck, ihre Emissionen zu reduzieren, da sowohl Regulierungen als auch das Bewusstsein für den Klimawandel zunehmen. Technologisch gesehen gibt es einen klaren Fokus auf die Entwicklung nachhaltiger Flugkraftstoffe (Sustainable Aviation Fuels, SAF) sowie auf elektrisch und mit Wasserstoff betriebene Flugzeuge. Obwohl es noch einige Jahre dauern wird, bis diese Technologien marktreif sind, werden sie zweifellos Realität werden. Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass digitale Innovationen wie künstliche Intelligenz und Automatisierung bereits jetzt Effizienzsteigerungen und Kostenreduktionen bei Flugzeugherstellern (OEMs) und Fluggesellschaften ermöglichen.

Geopolitische Spannungen, wie der Krieg in der Ukraine, haben die Kosten für Treibstoff und Rohstoffe in die Höhe getrieben, während der Wettbewerb zwischen westlichen und chinesischen Herstellern - wie Airbus, Boeing sowie den neuen Playern COMAC und Embraer - weiter zunimmt. Hinzu kommen anhaltende Herausforderungen durch Lieferkettenprobleme und einen Mangel an Fachkräften. Insgesamt befindet sich die Luftfahrtbranche in einer Phase der Transformation: Sie kämpft mit kurzfristigen wirtschaftlichen Unsicherheiten, während sie gleichzeitig die Weichen für eine grünere und technologisch fortschrittlichere Zukunft stellt. DerDruck von Regierungen, Investoren und Verbrauchern ist zweifellos der treibende Faktor hinter diesem Wandel.

AluReport: Können Sie näher auf das Thema Lieferkettenprobleme eingehen, mit denen die großen Flugzeughersteller konfrontiert sind?

VB: Wie bereits erwähnt, führte die Pandemie zu weltweiten Produktionsstillständen und Lieferengpässen, insbesondere in der Elektronik- und Metallindustrie, die für die Luftfahrtproduktion von zentraler Bedeutung sind. Wenn man diese Engpässe mit dem Mangel an Schlüssel-Rohstoffen wie Aluminium, Stahl und Titan kombiniert - die für die Herstellung von Baugruppen und Komponenten unverzichtbar sind - ergibt das ein Worst-Case- Szenario: Höhere Produktionskosten und erhebliche Verzögerungen bei der Steigerung der Produktionsraten.Zusätzlich zur kommerziellen Luftfahrt sehen wir einen steilen Anstieg der Nachfrage nach Business-Jets und im Verteidigungsbereich, was weitere Herausforderungen für regionale und globale Lieferketten mit sich bringt. Die Globalisierung, die in den vergangenen Jahrzehnten auf der Suche nach optimalen Kostenstrukturen in den Lieferketten vorangetrieben wurde, wird neu ausbalanciert. Das Prinzip „local-for- local“ hat wieder an Bedeutung gewonnen und ist zu einem wichtigen Element der Beschaffungs- und Lieferkettenstrategien der großen OEMs sowie ihrer Zulieferer geworden. Aus der Perspektive der AMAG sehe ich diese Entwicklung sehr positiv. Die unsichtbare Hand des Marktes, wie Adam Smith sagen würde, wird sich den effizientesten, wettbewerbsfähigsten und kundenorientiertesten Akteuren zuwenden. Wir bieten Bleche, Platten, Komponenten und fortschrittliches Recycling - eine einzigartige Kombination. Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Produkten! Mit dieser Aussicht ist AMAG bestens aufgestellt, um die robuste und stetig wachsende Nachfrage nach neuen Flugzeugen im kommenden Jahrzehnt zuverlässig zu bedienen.

AluReport: Bleibt die Nachfrage nach neuen Flugzeugen also stark?

VB: Die Nachfrage nach neuen Verkehrsflugzeugen bleibt stabil, allerdings herrscht, obwohl die Auftragsbücher der großen Hersteller voller sind als je zuvor, in der Branche keine Feierlaune. Die OEMs sind nicht in der Lage, die Produktionsraten zu erhöhen und neue Flugzeuge termingerecht zu liefern. Airlines werden für 2024 voraussichtlich relativ starke Gewinne ausweisen, trotz steigender Kosten und begrenzter Möglichkeiten, ihre Kapazitäten auszubauen. Gleichzeitig müssen sie jedoch neue Routen erschließen, ihre Betriebskosten sowie die Wartungskosten optimieren, Lärmemissionen reduzieren und den Treibstoffverbrauch minimieren. Es sind nach wie vor zahlreiche ältere Flugzeuge im Einsatz, die dringend ersetzt werden müssten, doch die Auslieferung neuer Maschinen kommt nicht hinterher. Daher sind Airlines gezwungen, ältere Flugzeugmodelle weiterhin zu nutzen. Gleichzeitig könnte die Nachfrage sich verstärkt neuen Flugzeugherstellern außerhalb des Airbus- Boeing-Duopols zuwenden, was letztlich eine positive Entwicklung für den Markt sein könnte.Wie sich das in den kommenden Jahren entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Die Nachfrage nach Blechen, Platten sowie Komponenten bleibt stark und positiv, und AMAG hat investiert, um diese Nachfrage zu unterstützen. Die Herausforderung liegt jedoch darin, dass alle Teile rechtzeitig verfügbar sein müssen, damit ein Flugzeug gebaut werden kann. Verzögerungen an einer Stelle verlangsamen damit immer die gesamte Versorgungskette.

AluReport: AMAG hat ihre Position und Kompetenzen in der Luftfahrtindustrie über die letzten Jahrzehnte kontinuierlich ausgebaut. Wie sehen Sie die AMAG heute und in Zukunft in diesem Markt?

VB: Die AMAG ist seit über 20 Jahren erfolgreich in der Luftfahrtbranche tätig und liefert Platten, Bleche und sind seit kurzem auch Komponenten. In Ranshofen haben wir ein vollständiges Ökosystem geschaffen, das speziell auf flachgewalzte Produkte für die Luftfahrt ausgerichtet ist: modernstes Schrottmanagement, eine leistungsstarke Gießerei, zwei Walzwerke sowie Kontursägekapazitäten. Hinzu kommen ein engagiertes F&E-Team und neuerdings unsere Smart Factory für die Probenfertigung und -prüfung - alles an einem Standort. Das ermöglicht schnelle Entscheidungen und höchste Flexibilität im Kundensupport.Eine Grundvoraussetzung für die Belieferung von Luftfahrtherstellern sind Zulassungen und Qualifikationen. Ich versichere, dass AMAG einen großen Teil des Zulassungsspektrums aller bedeutendenHersteller von Verkehrs-und Geschäftsflugzeugen weltweit abdeckt. Erlauben Sie mir einen Blick auf unser Komponenten-Geschäft in Deutschland: Seit 2020 haben wir unsere Präsenz in der Wertschöpfungskette durch den Erwerb zweier Fertigungsbetriebe ausgeweitet. Diese verfügen über hochqualifizierte Teams und fundiertes Know-how in der Bearbeitung von Short- und Longbed- Bauteilen aus Aluminium, Titan und Stahl. AMAG components hat es uns ermöglicht, die Lieferketten der Hersteller besser zu verstehen und uns in diese zu integrieren. Wir haben in Übersee und in Karlsruhe in neue Maschinen investiert und bieten unseren Kunden nun zusätzlichen Mehrwert.Dazu zählen unter anderem die Optimierung des Materialeinsatzes - wir nennen das „optimiertes Buy-to-fly-Verhältnis“ - sowie die Schrotttrennung und unser Closed-Loop-Management. Dabei werden Späne und Verschnitte nach Ranshofen zurückgeliefert. Kürzlich haben wir zudem unsere Fähigkeit bestätigt, Platten mit geringen Eigenspannungen zu liefern. Es war eine spannende Reise, auf der wir jeden Tag etwas Neues lernen. Kurz zusammengefasst kann unsere Positionierung so beschrieben werden: AMAG bietet wettbewerbsfähige Bleche, Platten und Komponenten mit herausragender Qualität und extrem hoher Lieferzuverlässigkeit. Das Unternehmen nimmt eine Vorreiterrolle im Closed- Loop-Management mit seinem Komponenten-Geschäft ein und bietet ein CO2- optimiertes Produktportfolio.

AluReport: Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, wie hat sich AMAG in diesem Bereich innerhalb der Branche entwickelt? Kann AMAG die AL4® ever- Familie an OEMs verkaufen?

VB: Nachhaltiges Aluminium gewinnt in der Luftfahrt zunehmend an Bedeutung. Angesichts des steigenden Bedarfs der Reduktion von CO2-Emissionen und dem Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft setzen immer mehr Hersteller auf recyceltes Aluminium. Zulieferer wie AMAG müssen nicht nur Maßnahmen ergreifen, um Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen, sondern sollten auch in der Lage sein, ihre Bemühungen und Ergebnisse durch externe Zertifizierungen gegenüber ihren Kunden nachzuweisen. Neben den NADCAP-Zulassungen (National Aerospace and Defense Contractors Accreditation Program) für Wärmebehandlung, zerstörungsfreie Prüfung und Materialprüfung sowie für die Assemblierung bei AMAG components nimmt AMAG an umfangreichen Ratings wie dem CDP (Carbon Disclosure Project), Sustainalytics oder EcoVadis teil. Diese Programme bewerten die Nachhaltigkeitsleistung in den Bereichen Umwelt, soziale Verantwortung und Geschäftsethik. AMAG zählt mit ihren herausragenden Ergebnissen in Nachhaltigkeitsratings zu den führenden Unternehmen und befindet sich auf einem guten Weg, die eigenen Dekarbonisierungsziele zu erreichen.Was die AL4® ever-Familie betrifft, so werden wir durch die Kombination eines hohen Anteils an recyceltem Material mit CO2-armem Primäraluminium in der Lage sein, unseren Kunden Luftfahrtplatten der 7000er-Serie mit AL4® ever- Zertifizierung anzubieten - und das mit einem garantierten CO2-Fußabdruck von maximal 4 Tonnen CO2 pro Tonne Aluminium. Es sollte jedoch beachtet werden, dass einige Legierungen eine deutlich höhere Metallreinheit erfordern. In solchen Fällen ist es nur möglich, die AL4® ever-Standards zu erfüllen, wenn eine Closed-Loop-Vereinbarung mit dem Kunden besteht. Mit Zugang zu Spänen und Verschnitten kann der Schrott erneut zu einer Luftfahrtplatte verarbeitet werden - diesmal jedoch mit einem garantiert niedrigen CO2-Fußabdruck.

AluReport: Bevor wir zum Ende kommen - die Paris Air Show steht vor der Tür. Hat AMAG Pläne für eine Teilnahme?

VB: Ja, absolut. Wir planen, 2025 wieder mit einem eigenen Chalet vertreten zu sein. Die Paris Air Show ist eine bedeutende Veranstaltung, um innerhalb kurzer Zeit möglichst viele Kunden und Partner zu treffen und Gespräche zu führen. Wir freuen uns, wieder in Paris und Teil dieses Events zu sein - mit seiner Vielfalt, seiner Intensität und der beeindruckenden Flugzeugshow.

Seit ich zum ersten Mal eine Flugshow besucht habe, sind einige Jahrzehnte vergangen. Jedes Mal, wenn ich auf der Air Show bin, fühle ich mich aber wieder, wie der kleine Junge, der an SonntagnachmittagenmitseinemVater am Flughafen seiner Heimatstadt steht und voller Begeisterung Flugzeuge beim Starten und Landen beobachtet. Dieses Gefühl ist unbezahlbar.

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