Die AMAG soll ein prächtiger Dom werden
Univ.-Prof. Peter Uggowitzer und Univ.-Prof. Stefan Pogatscher im Gespräch mit dem AluReport
Wir treffen uns heute zu diesem Gespräch, weil auch im wissenschaftlich-technologischen Beirat der AMAG eine Veränderung ansteht. Univ.-Prof. Peter Uggowitzer (ETH Zürich) zieht sich mit Ende April 2026 aus dem Beirat zurück und übergibt den Vorsitz an Herrn Univ.-Prof. Stefan Pogatscher (Montanuniversität Leoben).
AluReport: Herr Uggowitzer, Sie waren von Beginn an, also seit 2008, Mitglied und Vorsitzender des Beirats und werden sicher gerne erzählen, welche Aufgaben und Ansprüche dieses Gremium zu erfüllen hat und wie es diesen gerecht wird.
Peter Uggowitzer: Wie der Name schon sagt, sehen wir uns in der Verantwortung, die AMAG sowohl bei wissenschaftlichen Fragen als auch bei technologischen Herausforderungen zu unterstützen. Dies gelingt auf verschiedenen Schauplätzen. Eine erste wichtige Aufgabe ist die Unterstützung des F&E‑Teams der AMAG. Gemeinsam mit dem Management und der F&E-Leitung versuchen wir, strategisch wichtige Entwicklungsbereiche zu identifizieren und initiieren gegebenenfalls die entsprechenden wissenschaftlich orientierten Projekte. Normalerweise erfolgt dies über die Betreuung von Dissertationen an Universitäten, aber auch vor Ort. Das bedeutet, dass AMAG-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter eine Doktorarbeit sozusagen berufsbegleitend durchführen. Generell ist es so, dass bei jedem Forschungsprojekt eine sehr enge Zusammenarbeit gegeben ist und die experimentellen Arbeiten sowohl im Betrieb als auch im Uni-Labor durchgeführt werden. So können beide Seiten, die F&E-Gruppe der AMAG und das Uni-Team, viel voneinander lernen und profitieren.Als zweite wesentliche Aufgabe sehen wir die Unterstützung des Technologie-Teams der AMAG bei der Bearbeitung fachlich anspruchsvoller Fragestellungen, die häufig auch das operative Tagesgeschäft betreffen. Dies funktioniert insbesondere deshalb so gut, weil sich beide Seiten seit Langem kennen und eine ausgezeichnete, kollegiale Zusammenarbeit besteht. Darüber hinaus verfolgen wir kontinuierlich die aktuelle Fachliteratur und informieren umgehend, sobald neue Publikationen oder Patentanmeldungen für die AMAG von Relevanz sein könnten.Der wissenschaftlich-technologische Beirat ist zudem bestrebt, Entwicklungen und Potenziale in der Aluminiumwelt frühzeitig zu erkennen, diese gemeinsam mit dem AMAG-Vorstand zu bewerten und strategisch einzuordnen. In diesem Zusammenhang wird dem Vorstand jährlich ein Empfehlungsschreiben übermittelt, in dem jene Bereiche der F&E-Aktivitäten aufgezeigt werden, in denen ein verstärktes Engagement, auch im Hinblick auf notwendige infrastrukturelle Investitionen, sinnvoll erscheint.Gerne möchte ich noch darauf hinweisen, dass es uns von Beginn an ein zentrales Anliegen war, den Beirat so zusammenzusetzen, dass die gesamte fachliche Breite der für AMAG relevanten Themen kompetent abgedeckt ist. Entsprechend sind im Gremium mit den sechs Professoren der TU Wien, TU Graz, Montanuniversität Leoben, dem Max-Planck-Institut für Nachhaltige Materialien und der ETH Zürich unterschiedliche wissenschaftliche Schwerpunkte vertreten, von Recycling und Gießtechnologie über die Legierungs- und Werkstoffentwicklung bis hin zur Prozesstechnik, zur Simulation komplexer Gefügeveränderungen bei Umformprozessen sowie zur Vorhersage von Eigenschaftsprofilen. Der Beirat vereint damit sowohl grundlagenorientierte Expertinnen als auch Forschende mit starkem Anwendungsbezug.
AluReport: Sie haben gerade das gute kollegiale Verhältnis zwischen den Teams der AMAG und den Universitäten betont. Sehen Sie in dem gemeinsamen Ziel des Erkenntnisgewinns und der daraus resultierenden hohen Produktqualität den Grund für dieses gute Miteinander?
Peter Uggowitzer: Ja, das ist sicher ein ganz wesentlicher Punkt. Ich glaube aber, dass auch unsere gemeinsame Leidenschaft für das Lösen naturwissenschaftlich-technologischer Probleme eine wichtige Rolle spielt. Von besonderer Relevanz ist zudem, dass viele der durch Beiratsmitglieder betreuten Nachwuchskräfte inzwischen Schlüsselpositionen bei der AMAG innehaben. Dies schafft eine belastbare persönliche und fachliche Verbindung, die den Dialog erleichtert, Entscheidungsprozesse beschleunigt und die Zusammenarbeit nachhaltig stärkt. Bitte bedenken Sie, dass aktuell 15 ehemalige oder aktive Doktorandinnen und Doktoranden in Schlüsselpositionen maßgeblich an der strategischen und operativen Führung der AMAG beteiligt sind. Sie tragen Verantwortung für zentrale Funktionen, darunter die technische Geschäftsführung der AMAG rolling GmbH und der AMAG casting GmbH, die Leitung der Corporate Technology sowie die Leitung des Center for Material Innovation. Darüber hinaus sind zahlreiche weitere von ihnen mit verantwortungsvollen Funktionen innerhalb des Konzerns betraut.
AluReport: Wenn Sie jetzt zurückblicken in das Gründungsjahr des Beirats, wie hat sich in Ihrer Wahrnehmung seit damals die wissenschaftlich-technologische Aluminiumwelt verändert?
Peter Uggowitzer: Das ist angesichts des anstehenden Wechsels eine wichtige Frage, da Sie in meiner Antwort wohl auch eine Art Zwischenbilanz erwarten. Lassen Sie mich bitte einen gestaffelten Bericht geben. Als ersten Punkt möchte ich die Entwicklung der wissenschaftlichen Kompetenz bei der AMAG ansprechen. Vor zwei Jahren, zum 50. Jubiläum des AluReports, hatte ich die Gelegenheit, das Wachstum der Wissenschaftskompetenz anhand eindrücklicher Zahlen und Daten zu illustrieren. Ich konnte zeigen, dass die AMAG durch Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie durch die Anwerbung talentierter Köpfe das Verständnis für den Werkstoff Aluminium auf neue Höhen gehoben hat und heute mit den Besten der Welt mithalten kann. Das war im Jahr 2008 nicht in diesem Ausmaß der Fall. Der zweite Punkt betrifft die Veränderung der F&E-Themen. Im Jahr 2008 stand AMAG vor der Herausforderung, sich gegenüber potenziellen Kunden als leistungsfähiger und verlässlicher Lieferant zu positionieren. Vor diesem Hintergrund wurden bereits in den ersten Sitzungen des Beirats strategisch relevante Themen behandelt. Als typisches Beispiel nenne ich hier die Entwicklung von HDT-Plattenwerkstoffen (High Damage Tolerant) für die Luftfahrtindustrie. Ziel war es, durch gezielte Entwicklungsmaßnahmen die technologischen und qualitativen Voraussetzungen zu schaffen, um das Wettbewerbsniveau der etablierten Mitbewerber zu erreichen und langfristig die Marktfähigkeit im Luftfahrtsegment sicherzustellen. Nicht nur das ist gelungen. Heute verfügt AMAG über eine deutlich verbesserte Ausgangsposition: Dank einer hohen Markt- und Technologieanerkennung hat sich das Unternehmen in ausgewählten Branchen durch die Entwicklung innovativer Legierungsvarianten sogar als technologischer Taktgeber etabliert.Als dritten Punkt möchte ich die Simulationskompetenz der AMAG ansprechen. In den späten 2000er- und frühen 2010er- Jahren dominierten vor allem thermodynamische Berechnungen und Gleichgewichtssimulationen. Ziel war es primär, das Grundverständnis von Phasendiagrammen, Ausscheidungsvorgängen und Mikrostruktur zusammenhängend vorherzusagen. Diese Modelle betrachteten meist statische Zustände oder einfache Temperaturverläufe, sie waren mathematisch robust, aber prozessnahe dynamische Aspekte blieben unberücksichtigt. Etwas später gingen Simulationen über reine Gleichgewichtszustände hinaus und begannen, die Entwicklung von Gefügen im Verlauf einzelner Prozessschritte zu beschreiben. Beispiele hierfür sind Simulationsmodelle für Rekristallisation und Kornwachstum in der Warmumformung, Modelle zur Ausscheidung und Integration von mechanischen Verformungen und Temperaturverläufen. Diese Ansätze erlaubten es, Gefügeveränderungen während realer Prozessfenster zu verstehen und vorherzusagen, etwa während einzelner Walz- oder Wärmebehandlungsphasen. Dennoch waren die Modelle in der Regel noch getrennt pro Prozessschritt angelegt und nicht vollständig durch den gesamten Herstellprozess gekoppelt. Ein entscheidender Fortschritt wurde in den letzten zehn Jahren mit dem Through-Process-Modelling realisiert: der Übergang von isolierten Prozesssimulationen hin zu integrierten, durchgängigen Modellen über alle relevanten Fertigungsschritte. Dies wurde insbesondere durch die Nutzung des Softwaretools DAMASK möglich, welches die Kristallplastizität und Gefügeentwicklung auf mesoskaliger Ebene adressiert und eine sehr gute Beschreibung der Mikrostrukturentwicklung unter realen Prozessbedingungen ermöglicht. Hier möchte ich gerne erwähnen, dass unser Beiratskollege Prof. Raabe Mitbegründer und Schlüsselfigur bei der Erstellung dieser wichtigen Software ist. Diese Entwicklung der Simulationskompetenz hat nicht nur die wissenschaftliche Verständnisbasis vertieft, sondern ist inzwischen zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor in der industriellen Praxis geworden. Simulative Analysen und Maßnahmen erweisen sich als ein wesentliches Werkzeug für die prozessnahe Auslegung und Führung von Kalt- und Warmwalzprozessen. Sie erlauben es, Prozessparameter wie Walzgeschwindigkeit, Umformgrad, Temperaturführung und Kühlbedingungen bereits am Computer gezielt zu variieren und deren Einfluss auf Gefügeentwicklung und Materialeigenschaften zu bewerten. Gleichzeitig unterstützt die Simulation die reproduzierbare Einstellung maßgeschneiderter Eigenschaftsprofile und trägt wesentlich zur Sicherstellung einer hohen Produktqualität im industriellen Betrieb bei. Auf diese Weise erwies sich die Simulationskompetenz der AMAG-Technologen als ein entscheidender Erfolgsfaktor bei der raschen und erfolgreichen Inbetriebnahme der neuen Walzwerke. Durch den gezielten Einsatz simulationsgestützter Prozessauslegung konnten zentrale Prozessparameter bereits im Vorfeld optimal eingestellt und potenzielle Herausforderungen frühzeitig identifiziert werden. Ohne diese simulationsbasierte Vorgehensweise wären die kurze Anlaufzeit sowie das schnelle Erreichen stabiler Prozesse und hoher Produktqualität in dieser Form nicht möglich gewesen.Als letzten Punkt zu Ihrer Frage nach der Veränderung der wissenschaftlich-technologischen Aluminiumwelt erlaube ich mir, auf die drohende Verschiebung der wissenschaftlichen Themenführerschaft vom Westen hin zu China einzugehen.Dazu möchte ich eine eindrückliche Statistik illustrieren, basierend auf der Anzahl der Publikationen zum Thema Aluminiumlegierungen im wissenschaftlichen Journal Acta Materialia, das für uns den Goldstandard darstellt. Im Jahr 2008 wurden von Autorinnen und Autoren aus den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien der Schweiz und Österreich insgesamt 435 Beiträge veröffentlicht, während aus China lediglich 60 Publikationen stammten. Im Jahr 2025 hingegen lag die Zahl der chinesischen Beiträge bereits bei 315 – eine Steigerung um mehr als den Faktor fünf – während die Anzahl der Publikationen aus den genannten westlichen Ländern mit 495 nur moderat zunahm. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird, da China die Aluminiumforschung im Gegensatz zu den USA und Europa gezielt und umfangreich finanziell fördert und sie als strategisch bedeutend einstuft.Angesichts dieser Entwicklung ist rasches und zugleich weitsichtiges Handeln erforderlich. Es wäre fatal, gerade in Zeiten hohen Kostendrucks, wie wir sie derzeit erleben, bei Forschung und Entwicklung zu sparen. Diese Warnung richtet sich gleichermaßen an die öffentliche Hand, etwa bei der Finanzierung von Universitäten und der Ausstattung von Förderagenturen, wie auch an die betroffenen Unternehmen selbst.
AluReport: Herr Pogatscher, Sie übernehmen in diesem Jahr den Vorsitz des Beirats. Herr Uggowitzer hat die Verschiebungen in der Aluminiumforschung in den letzten Jahren angesprochen. Worauf müssen wir uns da vorbereiten?
Stefan Pogatscher: Obwohl sich der globale Schwerpunkt der Aluminiumforschung, wie erwähnt, deutlich nach Asien verschoben hat, sorgt die langfristige Strategie der AMAG, die sich im Beirat widerspiegelt, dafür, dass die AMAG in der Qualität der Aluminiumforschung ganz vorne mitspielt. Beispielsweise vergibt das oben angesprochene Top-Journal mit dem «Acta Student Award» den weltweit renommiertesten Nachwuchspreis für Forschung an metallischen Werkstoffen.Im März wird dieser in den USA an Dr. Philip Aster für einen Teil seiner von uns betreuten Doktorarbeit verliehen. Einerseits zeigt das die hohe wissenschaftliche Exzellenz und Sichtbarkeit der AMAG-Forschung, andererseits ist es wichtig hervorzuheben, dass die ausgezeichnete Arbeit industriell höchst relevant ist und nicht, wie oft bei wissenschaftlichen Auszeichnungen, von rein akademischer Natur. Konkret hebt die Arbeit Cu-haltige 6xxx-Legierungen in neue Sphären aus Festigkeit und Umformbarkeit hervor und schafft damit die Grundlage für zukünftige AMAG-Produkte.Diese Verbindung aus technologischer Relevanz und wissenschaftlicher Exzellenz wirkt zudem in andere Bereiche wie die Akquise von hervorragendem Personal und die Wahrnehmung der AMAG als Premiumproduzent bei Wettbewerbern und Kunden. International wird heute genau verfolgt, was in Ranshofen geschieht. Der Einsatz in der Forschung in China wird wohl weiter steigen, was die Anpassungsfähigkeit der AMAG im wissenschaftlich-technologischen Sinn herausfordert. Zudem setzen die rasch wechselnden Rahmenbedingungen eine immer kürzere Reaktionszeit voraus. Eine Verstärkung und vor allem die effiziente Nutzung der erlangten wissenschaftlich-technologischen Exzellenz der AMAG ist ein Schlüssel, den der Beirat mit in der Hand hält, um vor allem mittel- und langfristig zur Wettbewerbsfähigkeit beizutragen. Der Beirat agiert jedoch auch als strategisches Frühwarnsystem, um in Zeiten begrenzter Mittel diese möglichst zielgenau einzusetzen sowie als Beschleunigungssystem, um rasch auf neu auftretende technologische Fragestellungen zu reagieren.
AluReport: Welche übergeordnete Fähigkeit aus der angesprochenen wissenschaftlich-technologischen Expertise wird aus Ihrer Sicht besonders maßgebend für die Bewältigung dieser Herausforderungen sein?
Stefan Pogatscher: Um auf Veränderungen reagieren zu können, sollte sich die AMAG auf möglichst breit und gut ausgebildetes Personal stützen. Im wissenschaftlich-technologischen Sinn bedeutet das, dass eine solide und vor allem universelle Grundlagenausbildung in Zeiten des Wandels besonders nützlich ist. Strategische Netzwerke mit Partneruniversitäten sind daher zu pflegen bzw. auszubauen. Diese Bemühungen sind jedoch nur dann erfolgreich, wenn diese Expertise schnell genug zur Anwendung gebracht werden kann. In der Vergangenheit hat die Grundlagenforschung oft viel Zeit in Anspruch genommen. Ich bin der Meinung, dass wir am Anfang eines massiv positiven Umbruchs stehen, auf den die AMAG gut vorbereitet ist. Peter Uggowitzer hat den konsequenten Ausbau der Simulationskompetenz bereits ausführlich erläutert. Mittels Simulation wird das angesprochene Grundlagenwissen für die schnelle Beantwortung technologischer Herausforderungen kanalisiert. Entscheidend dafür, dass die Früchte konsequenter Aufbauarbeit zur Bewältigung der Herausforderungen der nächsten Jahre nützen, ist das Zusammenführen der unterschiedlichsten Simulationswerkzeuge in benutzerfreundliche Umgebungen. Ich konnte beobachten, dass dieser Prozess bei der AMAG bereits an Fahrt aufgenommen hat. Sehr wichtig zu verstehen ist, dass viele Berechnungen speziell für Produkte und Produktionsprozesse der AMAG, Stichwort digitaler Zwilling, entwickelt wurden und damit auch einen einzigartigen Datenschatz darstellen. Für Geschwindigkeit und Effizienz wird es entscheidend sein, den begonnenen Einsatz von KI und maschinellem Lernen weiter zu verstärken und nahtlos mit der physikbasierten Simulationskompetenz zu koppeln. Nur die Kombination aus einem so zugänglich gemachten AMAG-eigenen Datenschatz und exzellent ausgebildetem Personal ermöglicht eine schnelle und vor allem richtige Reaktion auf komplexe Fragestellungen durch Prognosemodelle bis hin zur Live-Datenanalyse zur flexiblen Steuerung der Prozesse, um kostengünstig zu produzieren.
AluReport: Haben Sie konkrete Vorschläge, wie es nun mittel- und langfristig mit den F&E-Aktivitäten weitergehen soll?
Stefan Pogatscher: Mittel- und langfristig sollten die F&E-Aktivitäten entlang eines klaren Pfades der technologischen Relevanz, Geschwindigkeit und Dekarbonisierung ausgerichtet sein. Erstens muss der Fokus auf recyclingfreundlichen Legierungen liegen, die günstigen, minderwertigen Schrott robust integrieren und zugleich anspruchsvolle Eigenschaftsprofile ermöglichen. Dazu gehört die Erhöhung der Toleranzfenster und die digitale Kopplung von Legierungsdesign mit der Prozessführung, um im finalen Produkt Eigenschaften wie die Umformbarkeit und Eigenspannungsfreiheit zu optimieren. Zweitens müssen wir eine kosteneffiziente Prozessgestaltung fortführen. Intelligent gesteuerte Schmelzprozesse, Gießverfahren, Stichpläne im Walzprozess sowie die Wärmebehandlung sind Beispiele für Prozesse, die durch integrierte, physikbasierte Simulationen und ML-gestützte Systeme weiter optimiert werden können, um den Energieeinsatz, den Ausschuss und die Durchlaufzeiten zu reduzieren. Drittens kann Predictive Maintenance mit verbesserten Vorhersagen zu Anlagenausfällen und zur Lebensdauererhöhung weiter ausgebaut werden.Als letzten Punkt möchte ich auch den Bereich der sich rasant entwickelnden verkörperten KI erwähnen. Man denke dabei an humanoide Roboter für Tätigkeiten, die ergonomisch kritisch, repetitiv oder sicherheitsrelevant sind. Angesichts der genannten Themen wird klar, dass die AMAG mit ihrer exzellenten physikbasierten Wissensbasis, oft kondensiert in Simulationen, dem bestehenden Datenschatz und KI alle wichtigen Tools für ein Beschleunigungssystem zur Verfügung hat, das die „richtige“ technologische Entscheidung in kurzer Zeit ermöglicht. Eine erfolgreiche Implementierung gelingt jedoch nur mit qualifiziertem Personal, welches die Ergebnisse auch interpretieren kann. Angesichts der sinkenden Ingenieursabschlüsse und Forschungsbudgets, beispielsweise für Doktorarbeiten, schlage ich die Ausarbeitung einer Risiko-Management-Strategie zur Sicherung schneller Handlungsfähigkeit vor.
AluReport: Die Entwicklung des Beirats seit 2008 wurde schon diskutiert. Können Sie uns vielleicht einen Einblick in Ihre persönliche Beiratserfahrung geben? Werden Sie als Vorsitzender neue Akzente setzen, um den veränderten Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen?
Stefan Pogatscher: Meine Erfahrungen im Beirat reichen zurück bis zu einem Erstkontakt im Jahr 2009 als junger Doktorand und führen vom Gast bis zum Mitglied als Professor. Mir ist der Beirat also vertraut, und ich freue mich auf die Herausforderung, den Vorsitz zu übernehmen. Ich durfte den strategischen Aufbau einer weltweit führenden Aluminium-Forschungseinheit an der Montanuniversität Leoben mitgestalten und sehe das als Blaupause für eine erfolgreiche Kooperation mit hohem Transferpotenzial. Aktuell ist es wichtig, das Niveau zu halten. Dabei helfen langfristige Modelle wie ein 2025 gestartetes Christian-Doppler-Labor. Um in der Forschungsinfrastruktur mit Asien mithalten zu können, haben wir mit dem Aluminium Microstructure Analysis Gainhub (AMAGh) eine Plattform geschaffen (AluReport 03, 2023), die hochaufgelöste Mikrostrukturanalytik mit Aluminiumexpertise verbindet und gleichzeitig längerfristig Personal entwickelt.Obwohl ich überzeugt bin, dass die heutige wissenschaftlich-technologische Tiefe der AMAG zielgerichtet ist und weiterwachsen sollte, will ich auch neue Akzente setzen. Konkret werde ich versuchen, den Fokus noch mehr auf Geschwindigkeit zu legen. Das habe ich mit meiner Ausführung zur Zusammenführung von Grundlagenforschung, Simulation und KI schon deutlich gemacht. Vernetzung und Breite ist nicht nur in diesem Kontext ein wesentlicher Resilienzfaktor. Universalität und Diversität sollten sich auch in der Zusammensetzung des Beirats widerspiegeln, gegebenenfalls über etablierte Fachbereiche hinaus, aber stets mit Blick auf Erweiterungspotenziale in Richtung Markt und Kunden, insbesondere als Entwicklungspartner. Zudem sind aus meiner Sicht starke internationale Partnerschaften und Kooperationen erforderlich, um übergeordnete, risikoreiche Forschungsthemen zu adressieren, um mit dem Wettbewerb aus China Schritt zu halten. Essenziell ist für mich, einen gemeinsamen Spirit zu bewahren, der die Begeisterung für die Aluminiumforschung aus dem Beirat heraus in alle Bereiche der AMAG-F&E- und Technologieorganisation trägt.
AluReport: Herr Uggowitzer, mit Blick auf Ihre langjährige Erfahrung möchte ich gerne abschließend wissen, mit welchem Wunsch oder welcher Hoffnung für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens Sie Ihr Engagement im Beirat beenden möchten?
Peter Uggowitzer: Gestatten Sie mir, mit einer Metapher zu schließen, die meine Hoffnung zum Ausdruck bringen soll, dass der wissenschaftlich-technologische Beirat auch künftig eine wegweisende und inspirierende Rolle bei der strategischen Weiterentwicklung der F&E-Aktivitäten und damit beim nachhaltigen und erfolgreichen Gedeihen der AMAG einnehmen wird. Im Mittelalter wurden Kathedralen über Generationen hinweg gebaut. Die Menschen, die an ihnen arbeiteten, wussten, dass sie den fertigen Dom vielleicht nie sehen würden. Trotzdem arbeiteten sie mit Stolz, Präzision und Hingabe, nicht für den kurzfristigen Erfolg, sondern für ein größeres Ganzes. Jeder Baumeister übernahm Verantwortung für das, was er weitergab: stabile Fundamente, saubere Übergänge, klare Pläne.Der Dom stand am Ende nicht, weil jemand einmal besonders viel Energie investierte, sondern weil jede Generation bereit war, mit derselben Sorgfalt und Begeisterung weiterzubauen.So möge die AMAG ein prächtiger und stabiler Dom werden, der über Generationen erhalten bleibt.