Ermittlung des Rezyklatgehalts

Wie viel Schrott steckt in Aluminium?

Recycling ist ein zentraler Hebel für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft und eine nachhaltige industrielle Wertschöpfung. Es schont natürliche Ressourcen, reduziert Energieverbräuche und senkt CO2-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Gleichzeitig gewinnt Recycling angesichts geopolitischer Unsicherheiten und volatiler Rohstoffmärkte zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, braucht es jedoch nicht nur technologische Lösungen, sondern auch klare, transparente und vergleichbare Rahmenbedingungen für alle Werkstoffe.

Neben dem CO2-Fußabdruck der Produkte ist der Rezyklatgehalt (engl. „recycled content“, kurz RC) ein weiterer Indikator, um Fortschritte in der Kreislaufwirtschaft messbar zu machen. Der Rezyklatgehalt beschreibt grundsätzlich den Anteil an rezykliertem Material, der in einem Produkt oder Werkstoff enthalten ist. Internationale Normen sowie Branchenstandards sind entscheidend dafür, den Rezyklatgehalt transparent und nachvollziehbar darzustellen. Sie schaffen einen einheitlichen Rahmen für Definitionen, Berechnungsmethoden und die Kommunikation dieser Umweltkennzahl. Die ISO-Norm 14021 „Umweltkennzeichnungen und -deklarationen“ ist die maßgebliche internationale Norm für umweltbezogene Produktangaben und spielt eine zentrale Rolle bei relevanten Begriffsdefinitionen wie z. B. „Materialien vor Gebrauch“ (engl. „pre-consumer“) und „Materialien nach Gebrauch“ (engl. „post-consumer“).

Post-Consumer-Rezyklat: Material, das aus Produkten stammt, die bereits von Endverbrauchern genutzt und anschließend gesammelt wurden.

Pre-Consumer-Rezyklat: Material, das im Herstellungsprozess anfällt und außerhalb desselben Produktionsprozesses wiederverwertet wird.

Abgrenzend zu den beiden genannten Definitionen existiert die Kategorie „Material aus demselben Prozess“. Sie bezieht sich auf Stoffströme, die innerhalb des definierten Produktionsprozesses anfallen und auch im selben Materialkreislauf rückgeführt werden.In der Praxis zeigt sich, dass die Anteile gemäß den beschriebenen Definitionen je nach Werkstoff und Berechnungsmethode unterschiedlich ermittelt werden können, was ihre Vergleichbarkeit erheblich einschränkt. Während die Definition von Post-Consumer-Rezyklat allgemein anerkannt ist, bestehen bei der Auslegung von Pre-Consumer-Rezyklat unterschiedliche Interpretationen, da die Definition „innerhalb desselben Prozesses“ je nach gewählter Systemgrenze unterschiedliche Stoffströme enthalten kann. Ein einheitliches Grundverständnis, das Offenlegen der Systemgrenzen und nachvollziehbare Berechnungsgrundlagen sind daher unerlässlich, um Vertrauen in Kennzahlen zu schaffen und eine faire Vergleichbarkeit über alle Werkstoffe hinweg sicherzustellen.

Bestimmung des Rezyklatgehalts bei AMAG

Der AMAG-Ansatz zielt darauf ab, interne Prozesse zur Transparenz und Rückverfolgbarkeit des Rezyklatgehalts zu definieren und gleichzeitig die wesentlichen Säulen der Kreislaufwirtschaft und geschlossener Recyclingkreisläufe zu fördern.

Systemgrenzen

Abbildung 1 zeigt eine vereinfachte Darstellung der internen Wertschöpfungskette und definiert die Prozesse der Gießerei, der Walzwerke und der Weiterverarbeitung. Anhand dieses Beispiels lässt sich anschaulich demonstrieren, dass in Abhängigkeit der gewählten Systemgrenze Fertigungsabfälle sowohl innerhalb als auch außerhalb dieser Grenze anfallen können. Jedes der drei illustrierten Prozessfelder erfüllt die Anforderungen gemäß den Definitionen nach ISO 14021. Die unterschiedlich dargestellten Systemgrenzen führen zu abweichenden Ergebnissen bei der Berechnung der Rezyklatgehalte, da je nach Abgrenzung unterschiedliche Stoffströme in die Kennzahl einbezogen werden.AMAG hat gemäß interner Definition den Rezyklatgehalt der AMAG-Produkte klar auf die Systemgrenze der Gießerei festgelegt, da diese dem werkstoffbasierten Ansatz entspricht. Somit werden alle innerhalb der Gießerei anfallenden Stoffströme, wie z. B. Schrotte nach dem Kopf- und Fußsägen der Walzbarren, als „Materialien im selben Prozess“ eingeordnet, wohingegen Schrotte aus dem Walzwerk oder aus der weiteren Fertigung als „Pre-Consumer-Rezyklat“ gezählt werden.

Wertschöpfungskette_DE
Abbildung 1: Interne Wertschöpfungskette der AMAG

Berechnungsmethodik

Abgeleitet aus der festgelegten Systemgrenze ergibt sich für AMAG-Walzprodukte (Platten, Bleche und Bänder) folgende Berechnungsmethodik:Rezyklatgehalt AMAG-Produkte =

a: Primäraluminium inkl. Legiermetalle b: Externer Schrott c: Pre-Consumer-Rezyklat aus Fertigungsprozessend: Schrotte aus dem Prozess „Walzwerk“e: Schrotte aus dem Prozess „Gießerei“ (inklusive Blöcke aus dem Umschmelzen von Krätze)

Berechnungsansätze

Neben einer direkten Zuordnung der Schrotte auf Losebene (engl. „batch“) erfolgt in der Praxis die Berechnung meist nach dem Modell des gleitenden Durchschnitts (Berechnung des prozentualen Anteils an recycelten Materialien über einen gewissen Zeitraum). Rezyklatgehalte (engl. „recycled content“) für AMAG-Produkte werden beispielsweise als Durchschnitt über das letzte Produktionsjahr kommuniziert bzw. bei fixierter Vereinbarung als Garantiewert für die definierte Periode sichergestellt. Darüber hinaus sind als weiteres Massenbilanzmodell auch Gutschriftansätze (engl. „credit method“) zulässig, welche jedoch eindeutig zu kennzeichnen sind und strengen Regeln wie z. B. regionaler und zeitlicher Zuordnung, technischer Machbarkeit etc. unterworfen sind.

Branchenvergleich

Um eine transparente und vergleichbare Bewertung unterschiedlicher Materialien zu ermöglichen, ist es entscheidend, dass für unterschiedliche metallische Werkstoffe dieselben Systemgrenzen gelten. Die World Steel Association, welche der weltweit größte Branchenverband der Stahlindustrie ist, hat sich im Gegensatz zur Aluminiumindustrie bereits global auf die Systemgrenze geeinigt, welche nun für metallische Werkstoffe wegweisend ist. Nach dieser Definition sind interne Schrotte, welche nach dem LD-Verfahren bzw. nach dem Elektrolichtbogenofen anfallen (z. B. aus dem Walzwerk) und wieder in den Prozess der Stahlerzeugung zurückgehen, als „Pre-Consumer-Rezyklat“ zu zählen. Dies ist ein klares Bekenntnis zum werkstoffbasierten Ansatz, der auch jenem der AMAG entspricht.

Fazit

Eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft für Aluminium kann nur gelingen, wenn Recycling konsequent in Europa stattfindet und wertvoller Aluminiumschrott nicht dauerhaft aus dem europäischen Stoffkreislauf abfließt. Dabei spielen sowohl Pre- als auch Post-Consumer-Schrotte eine gleichermaßen wichtige Rolle, da sie gemeinsam die Grundlage für eine stabile und leistungsfähige Recyclingindustrie bilden. Entscheidend ist zudem eine transparente, einheitliche und damit auch nachvollziehbare Kommunikation gegenüber Kunden, Gesetzgebern und weiteren Stakeholdern, die auf denselben Systemgrenzen für unterschiedliche Materialien bzw. Metalle beruht. Die Ausweisung des Rezyklatgehalts erfolgt dabei konsequent gemäß den Anforderungen der ISO 14021. Sollten Credit Methods zum Einsatz kommen, müssen diese entsprechend gekennzeichnet, streng geregelt und einheitlich angewendet werden.

Mit diesem transparenten und verantwortungsvollen Ansatz übernimmt AMAG eine Vorreiterrolle in der Aluminiumkreislaufwirtschaft und zeigt, wie nachhaltige Industrie in Europa langfristig erfolgreich gestaltet werden kann. Um eine globale Vergleichbarkeit zu ermöglichen, wäre ein gemeinsames Bekenntnis der Aluminiumindustrie, analog der Stahlindustrie zum werkstoffbasierten Ansatz zielführend.